100 Jahre Frauenwahlrecht – alles erreicht und alles okay?

Veröffentlicht am 23.01.2019 in Politik

100 Jahre Frauenwahlrecht – alles erreicht und alles okay? Für die Badische-Zeitung schrieb die Landtagsabgeordnete Sabine Wölfle unter diesem Titel über 100-Jahre Frauenwahlrecht und aktuelle Herausforderungen in der Gleichstellungspolitik:

Vor über 100 Jahren haben mutige Frauen in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, für ihr Recht auf politische Beteiligung gekämpft. Dieser Kampf begann bereits im 18.Jahrhundert und hatte seinen entscheidenden großen Erfolg in Deutschland am 12.November 1918 mit der Einführung des Frauenwahlrecht. Nur 2 Wochen später verankerte der Rat der Volksbeauftragten das aktive und passive Wahlrecht für alle Bürgerinnen und Bürger. Damals gaben erstmalig 80 % der Frauen ihre Stimme ab und von den 300 kandidierenden Frauen zogen 37 in die Nationalversammlung, in der am 19.Februar 1919 die Sozialdemokratin Marie Juchacz als erste Frau eine Rede hielt.

Für die Frauen ein Meilenstein. Sie konnten wählen, gewählt werden, mitbestimmen und mitgestalten.

Jetzt könnte man meinen, damit ist alles geklärt. Der Gleichberechtigung ist Genüge getan, die sogenannte Hälfte der Macht ist verteilt.

Die Situation heute zeigt aber ein anderes Bild. Frauen sind nach wie vor in der sogenannten „Sandwichposition“. Bestens ausgebildet will Frau ihren beruflichen Weg gehen und auch die Karriere im Fokus behalten. Kinder und Familie – ja, aber in  Vereinbarkeit mit dem Beruf. Politik schafft hier Rahmenbedingungen, aber noch immer ist Erziehungs- und Pflegearbeit Aufgabe der Frau. Will sie sich politisch engagieren, um, auch im eigenen Interesse, mehr für die Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf zu erreichen oder schlichtweg, weil sie in vielen Themenfeldern Handlungsbedarf auch aus weiblicher Sicht sieht, stößt sie schnell an Grenzen. Aktuell stehen die Kommunalwahlen an. Nirgendwo sonst wie in der Kommune wirkt Politik näher am Bürger wie dort. Trotzdem haben wir wenige Frauen in den Kommunalparlamenten und auch die Wahlbeteiligung würde unseren Vorkämpferinnen von vor über 100 Jahren nicht gefallen. In einem Parlamentarischen Antrag vom Juni 2014 ( Drs 15/5271), also kurz nach der letzten Kommunalwahl, habe ich hier mal genau nachgefragt.

Das Ergebnis war ernüchternd. Nur 22 % der Mitglieder in Kommunalparlamenten in Baden-Württemberg sind Frauen, bei den Kreistagen sind es sogar nur 16 %. In 30 Gemeinderäten gibt es gar keine Frau. Insgesamt zwar sieht man seit 1994 überall einen leichten Anstieg, aber nicht zufriedenstellend. Wie erklärt sich das ?

Ist eine in weiten Teilen noch immer von einem konservativem Gesellschaftsbild geprägte Rollenverteilung die Ursache? Vieles spricht dafür. Die Frage, ob Frau XY sich eine Kandidatur vorstellen könne, wird oftmals mit „ ich muss das erst mit meinen Mann besprechen“ beantwortet, sogar von Frauen, die keine kleinen Kinder mehr zu betreuen haben. Meine These ist aber eine andere. Frauen empfinden Politik als zu männlich geprägt, kein Wunder bei der Unterrepräsentanz von Frauen in unseren Parlamenten. Frauen sind weniger machtorientiert sondern wollen schnell Dinge verändern, Ergebnisse sehen. Politik ist für viele Frauen kein Selbstzweck sondern sie verbinden damit klare Ziele. Leider ist Politik aber immer ein langes Ringen um Lösungen und bietet zudem genügend Projektionsflächen für Macht und Einfluss von Männern. Meistens haben Frauen da andere Vorstellungen und engagieren sich eher ehrenamtlich im vorpolitischen Raum. Da aber, wo Frauen in den Räten sitzen, schaffen sie es oftmals, über Fraktionsgrenzen hinaus Bündnisse zu schließen um Ziele gemeinsam zu erreichen.

Aber es gibt noch ein Hindernis. Leider wählen Frauen oft eben keine Frauen. Die alten Muster greifen auch hier. Die zur Wahl stehenden Frau hat kleine Kinder, pflegt einen Angehörigen – warum will die jetzt noch in den Stadtrat, heißt es oft. Auch ich selber wurde in den ersten Jahren als Abgeordnete immer wieder gefragt, wer sich bei mir um Kind und Haushalt kümmert. Oftmals betretenes Schweigen wenn ich zur Antwort gab „Das macht mein Mann. Bitte stellen Sie aber diese Frage auch den männlichen Kollegen.“   

Welche Lösungsansätze sehe ich? Zum einen muss man Frauen in der Politik sichtbarer machen, man muss in allen Parlamenten auch Kinderbetreuungsangebote haben und es muss gesellschaftspolitisch deutlich werden, dass Diversity, also im Sinne von Vielfalt, eine Bereicherung ist.

Die Wirtschaft erkennt dies zunehmend auch, in der Politik ist es noch ein weiter Weg. Aber auch wenn die Rahmenbedingungen, z.B. durch Geschlechterquoten als Brücke in gleichberechtigte Teilhabe, stimmen, muss Frau auch wollen. Am Ende ist es auch ihre Entscheidung, aktiv zu werden und sich in einer von Männern dominierten Politik der Herausforderung zu stellen. Politik wird sich verändern, wenn Frauen und Männer gleich ihrem Anteil in der Gesellschaft vertreten sind, ihre unterschiedlichen Sichtweisen ergeben ein Ganzes. Das könnte die Welt verändern.               

 

Homepage Sabine Wölfle MdL

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